Band 2

 

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Elea – Die Weisheit des Drachen

 

Liebe vermag Schnee zum Schmelzen zu bringen.

Liebe kann stärker sein als ein Pfeil.

Aber ist Liebe auch mächtig genug,

um den Sieg davon zu tragen

über eine demütigende Tat,

einen schmerzvollen Schlag –

angetrieben aus purem Hass

und ausgeführt mit einem Herzen

noch kälter als Eis,

mit einer Seele

noch schwärzer als eine

Nacht ohne Mond?

Klappentext

Elea gelingt die Flucht vor dem Zauberer Darrach aus dem Akrachón-Gebirge zusammen mit Arabín, ihrem Drachen. Doch um welchen Preis? Sie muss Maél, ihre große Liebe, zurücklassen, der wieder in die Hände des Zauberers fällt und Opfer dunkelster Magie wird.

Für die Liebenden beginnt von nun an ein neues Leben mit Herausforderungen, denen sie sich getrennt voneinander stellen müssen. Ihre größte Herausforderung wird jedoch letztendlich sein, dem anderen wieder gegenüber zu treten.

Ist Eleas Liebe zu Maél stark genug, um zu ihm vorzudringen, nachdem Darrach die Erinnerung an sie gelöscht hat und ihn zu einem gefühllosen, sadistischen Mann gemacht hat, dessen einziges Ziel es ist, sie leiden zu sehen? Und kann Maél diese von Darrach geschmiedete, dunkle Seite in sich besiegen, bevor Eleas Leben durch sie in Gefahr gerät?

Und dann ist da noch der weise Drache Arabin, der die eine oder andere Überraschung für Elea bereithält, die ihr die Erfüllung ihrer ursprünglichen Bestimmung, nämlich das Menschenvolk vor den dunklen Mächten zu bewahren, nicht gerade leichter macht…

 

Leseproben

… Nur ein paar Schritte von ihr entfernt blieb er stehen und musterte sie stumm mit einem Blick, der Elea fröstelnd die Schultern hochziehen ließ. Sein entsetzter Gesichtsausdruck war mit einem Schlag einem finsteren und bösartigen Zug gewichen. Eleas Magen fühlte sich auf einmal wie in einer Faust gefangen an. Vielleicht hätte ich doch auf Arabín hören sollen! Ihre Arme begannen zu zittern, als er quälend langsam von Arok abstieg, ohne sie auch nur den Bruchteil eines Moments aus den Augen zu lassen. Plötzlich fühlte sie sich wieder in die Vergangenheit zurückversetzt, als er nach ihrem missglückten Versuch, ihn zu töten, mit seiner hasserfüllten, nichts Gutes verheißenden Miene Todesangst in ihr hervorrief. Dennoch gelang es ihr, den Bogen zu heben und auf ihn mit zitternden Armen zu zielen. Diese Geste schüchterte ihn jedoch nicht im Geringsten ein. Er kam selbstbewusst auf sie zu geschlendert. Er hatte nicht einmal seine Hand auf dem Griff seines Schwertes liegen. Auch wenn sein Gesicht nicht mehr die Spur von Angst verriet, so konnte Elea deutlich erkennen, dass auch seine Brust sich schnell und kräftig hob und senkte. Wenige Schritte vor ihr blieb er stehen – immer noch ohne ein Wort an sie gerichtet zu haben. Endlich fasste Elea sich ein Herz und begann, mit brüchiger Stimme zu spechen. „Maél,… was ist los mit dir? Erkennst du mich nicht wieder? Ich bin es… Elea.“ Seine Augen weiteten sich vor Bestürzung – aber nur für die Dauer eines Wimpernschlages. „Oh doch! Ich kenne dich. Ich kenne dich aus meinen Träumen. Du bist die Mörderin meiner Mutter. Du hast sie getötet, als ich noch ein Junge war.“ Elea wollte ihren Ohren nicht trauen. Stammelnd entgegnete sie ihm: „Ich… äh soll… was sein? Die Mörderin deiner Mutter?“ Elea senkte vor Fassungslosigkeit den Bogen. Maél rührte sich nicht. „Dass die Mörderin meiner Mutter und die Hexe, die mich verzaubert, mein Gedächtnis ausgelöscht und mein Leben zerstört hat ein und dieselbe Person sind, hätte ich niemals für möglich gehalten. Allerdings… wenn ich länger darüber nachdenke, dann ist es wiederum doch nicht so weit hergeholt.“

Elea hatte Mühe, klar zu denken, so entsetzt war sie über diese Anschuldigungen. Wenn seine Stimme nicht so eiskalt geklungen hätte und seine Haltung nicht unverändert bedrohlich gewirkt hätte, hätte sie über die Absurdität seiner Vorwürfe laut hinausgelacht. Aber ihr war alles andere als zum Lachen zumute. Irgendetwas stimmte tatsächlich nicht mit ihm. Und Elea wusste auch, wer dafür verantwortlich war. Sie machte einen Schritt zurück, während sie sprach. „Wie soll ich denn deine Mutter getötet haben?! Ich bin achtzehn Jahre alt. Und wie alt bist du? Einige Jährchen älter jedenfalls. Siehst du das nicht selbst?“

„Ich kann dir leider nicht sagen, wie alt ich bin. Dafür hast du gesorgt. Mein Leben begann erst vor drei Monden.“ Maéls vor Sarkasmus triefende Stimme ging Elea durch Mark und Bein. Was hatte Darrach nur mit ihm angestellt? Elea sah hilfesuchend zum Himmel hoch. In der Tat kreiste Arabín über der Kuppe des Hügels, auf der Darrach von seiner schützenden Energiehülle umgeben inzwischen angekommen war.

„Dein Drache kann dich jetzt auch nicht mehr retten. Schlimm genug, dass du meine Mutter getötet hast und meine Erinnerungen an mein altes Leben ausgelöscht hast. Dass du jetzt auch noch der Grund dafür bist, dass mein neues Leben die Hölle ist, das kann ich nicht zulassen.“ Elea verstand überhaupt nichts mehr. Sie war so verzweifelt, weil sie wusste, dass ihr die Zeit fehlte, ihm die Wahrheit über Darrach zu erzählen. Zumal sie starke Zweifel hegte, dass der Mann, den sie liebte, ihr Gehör schenken würde. „Das sind alles Lügen, die Darrach dir über mich erzählt hat, Maél! Du darfst ihm nicht glauben!“

„Schweig still! Darrach hat mich vor dir gerettet. Beinahe wäre es zu spät gewesen.“ Angsterfüllt sah Elea auf Maéls Hände, die er so fest zu Fäusten geballt hatte, dass die Knöchel weiß hervortraten. Alles ging auf einmal so schnell. In dem Moment, als sie sich resignierend darauf konzentrierte, Arabín den Gedanken zu schicken, sie zu holen, machte Maél zwei seiner riesigen Schritte blitzschnell auf sie zu und riss ihr den Bogen aus der Hand. Sie war so überrumpelt, dass sie nicht einmal seine rechte Hand auf sie zuschießen sah, die sie nur einen Wimpernschlag später mit voller Wucht im Gesicht traf und zu Boden schleuderte. Der brennende Schmerz ließ sie aufschreien. Ein Blutgeschmack breitete sich in ihrem Mund aus. Fassungslos sah sie zu ihm auf. Er hielt immer noch ihren Bogen in der Hand…”

Zum besseren Verständnis:

Bowen ist zweiter Heerführer Borayas. Zwischendurch ist mal die Rede von Gelhad, der  erster Heerführer in diesem Königreich ist.

Elea wurde aus ihren Gedanken gerissen, als erneut das Knarren einer Tür ertönte, diesmal wesentlich lauter. Eilige, barfüßige Schritte näherten sich ihrem Zimmer. Sie ahnte schon, wer es war. Die zwei folgenden kräftigen Klopfgeräusche an der Tür, ließen keinen Zweifel daran.

Was will er denn so früh?

„Ja, komm schon rein, Bowen!“

Schon als der Mann die Tür halb geöffnet hatte, drang ein blauer Lichtschein in das Zimmer. Das Glühen ihres Haars bekam Konkurrenz von dem aufblinkenden Stein auf Bowens magischem Buch. Nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte, blieb er mitten im Raum stehen und musterte Elea mit einem anzüglichen Grinsen, das so breit war, dass sogar das dunkle Loch seines abgebrochenen Schneidezahns hervorlugte.

„Sieh mich nicht so an! Als ob du in Kalistra nicht schon mehr als einmal in Gesellschaft von Frauen warst, die noch spärlicher bekleidet waren als ich jetzt.“

Bowens tiefes Lachen erfüllte das Zimmer.

„Ja schon. Aber keine ist annähernd so liebreizend wie du, vor allem mit diesem doch sehr außergewöhnlichen Haar.“

Mit Bowens Spott konnte sie besser umgehen als mit bewundernder Schwärmerei. Auch wenn sie gerne mit Finlay zusammen war, fühlte sie sich in Bowens Anwesenheit viel unbefangener. Sie konnte sich das Lächeln, das über ihre Lippen huschte nicht verkneifen.

„Dich habe ich auch schon mit mehr Kleidungsstücken bekleidet gesehen.“

Sie starrte auf seine halb geöffnete Hose und ließ dann ihren Blick auf seine nackte behaarte Brust gleiten, über die sich diagonal eine lange Narbe zog. Rasch sah sie zu ihm auf.

„Gibt es Neuigkeiten von Gelhad?“

„Ähm ja. Ich war gerade dabei, mich zu entkleiden, da begann der Stein zu leuchten. Er hat diesmal viel mehr geschrieben als sonst. Und so wie es aussieht, hatte er nicht sehr viel Zeit. Ich kann seine Schrift kaum entziffern. Du weißt doch, dass ich mich mit dem Lesen schwertue. Kannst du es mir vorlesen?“

Er reichte ihr das aufgeschlagene Buch und wartete gespannt mit verschränkten Armen. Elea schob ihre beiden Pergamente zur Seite und legte das Buch vor sich.

„Ich versuche es … Also…

Bowen, diese Nachricht ist wahrscheinlich die letzte, die du von mir erhalten wirst. … Ich habe niemand gefunden, dem ich das Buch anvertrauen könnte. Deshalb werde ich es im Rua-See versenken. Wenn du am südlichen Ufer stehst und dem See den Rücken kehrst, dann siehst du eine Gruppe von mehreren Tannen. Denke dir eine Linie ausgehend von diesen Tannen bis zum Ufer. Von diesem Punkt werde ich das Buch, so weit ich kann, in den See hinaus werfen, sobald ich diese Nachricht fertig geschrieben habe…“

Elea brach ab.

„Aber da wird es doch unbrauchbar. Es wird dort unten vermodern. Und überhaupt: Ist der See tief?“

Bowens Miene hatte sich von Wort zu Wort verdüstert. Ungeduldig antwortete er:

„Nicht wenn er es in ein Stück Stoff einwickelt, das mit Pech getränkt wurde. Und nein. Er ist nicht sehr tief. Lies weiter!“

Bowen, wir haben verloren. … Die morayanischen Krieger sind nicht nur im Norden und ein paar Tagesritte weiter südlich über den San in Boraya eingefallen. In der Nähe von Erongh haben sie den Hauptangriff gestartet. Die anderen beiden dienten nur zur Ablenkung. Sie hatten Katapulte, mit denen sie mit Steinbrocken und brennenden Kugeln aus Reisig auf uns schossen. Unsere Bogenschützen wurden dadurch daran gehindert, Schwärme von Pfeilen auf die übersetzenden Flöße zu schießen. Die ersten Tage haben sich unsere Truppen im Norden noch gut gehalten. Doch es wurde immer schwerer und dann kam die Nachricht aus Erongh, dass mindestens dreitausand morayanische Krieger den San überquert hätten, an einer Stelle, die niemand erwartet hätte. Sie werden angeführt von Roghans neuem Ersten Heerführer. Er trägt eine merkwürdige Rüstung und eine Maske…“

Elea machte eine Pause, die sie nutzte, um den Kloß, der sich beim Lesen in ihrem Hals gebildet hatte, weg zu schlucken. Ängstlich schweifte ihr Blick zu Bowen, der ihn grimmig erwiderte.

„Lies weiter“, forderte er sie schroff auf.

Elea räusperte erst ihre Stimme frei, bevor sie mit immer leiser werdender Stimme fortfuhr.

Er ist auf dem Weg nach, …  nein inzwischen muss er schon in Boray angekommen sein. Ich hab mich sofort mit meinen Truppen dorthin aufgemacht. Roghan und seine Krieger haben uns einfach ziehen lassen. Sie wissen warum.

Dieser Heerführer hat Angst und Schrecken in Erongh hinterlassen. Er ist unangemessen brutal … und dies schon gegenüber den Stadtbewohnern. Er hat eigenhändig ein paar junge Burschen, die mit Steinen auf ihn und seine Krieger geworfen haben, auf dem Marktplatz … ausgepeitscht… vor den Augen ihrer Mütter.“

Die letzten Worte waren nur mühsam Elea über die Lippen gegangen. Nun war sie unfähig, noch ein weiteres Wort laut vorzulesen. Sie versuchte, ein Würgen zu unterdrücken, so übel war  ihr. Fassungslos sah sie Bowen in die Augen, der damit begonnen hatte, nervös im Zimmer auf und ab zu gehen.

„Ich kann nicht weiterlesen, Bowen. Es tut mir leid. Ich…“

Aufgebracht kam er auf sie zu gestürzt und riss ihr das Buch aus den Händen.

„Gut. Dann werde ich es eben selbst tun, aber laut. Du sollst ruhig hören, was dein Geliebter meinem Volk antut.“

Er überflog einige Zeit das Geschriebene, bis er die Stelle gefunden hatte, wo Elea abgebrochen hatte. Wesentlich langsamer und stockender las er weiter.

„Er hat sie in das … Gefängnis der Stadtwache werfen lassen. Zweihundert Krieger sind in der Stadt … geblieben. Bowen, er soll wahllos Männer, Frauen und Kinder mitgenommen haben und hat uns, den … borayanischen Heerführern, eine Nachricht hinterlassen. Wenn er in Boray ankommt, will er, dass wir uns ihm ergeben. Wenn nicht, wird er dies bis dahin jeden Tag, der vergeht, einen dieser armen Menschen spüren lassen. Ich weiß nicht, wie viele Tage bereits vergangen sind, seitdem er dort angekommen ist. Ich weiß auch nicht, ob unsere Truppen Boray noch unter ihrer Kontrolle haben. Ich werde … schnellstmöglich nach Boray … reiten und mich ihm ergeben. König Eloghan ist in … Sicherheit. Ich habe es so arrangiert, dass selbst ich nicht weiß, wo genau er sich aufhält. Sicher ist sicher! Du wirst deine … Mission, wie geplant, fortsetzen. Du bist unsere einzige Chance, du und … diese Frau mit ihrem Drachen.“

Er sah kurz auf und warf Elea einen wütenden Blick zu.

„Ich weiß nicht, was Roghan oder dieser … verfluchte Heerführer vorhaben, wenn sie meine … Kapitulation … entgegengenommen haben. Ich hoffe nur, dass sie damit zu…frieden sind. Denn mehr als diese und mich bekommen sie nicht.

Pass auf dich und deine Männer auf. Handle überlegt und geh’ kein Risiko ein. Ihr dürft nicht … entdeckt werden.

Egal, was passiert, egal, welche … Nachrichten dich ereilen, Roghans Festung und Moray bleiben dein primäres Ziel. 

Du warst immer wie ein Sohn für mich und mein… bester … Schüler. Ich hoffe, du … enttäuschst König Eloghan und unser Volk nicht. 

 Leb wohl!“

 Bowen knallte so das Buch zu, dass Elea zusammenzuckte. Ungehalten warf er es vor ihr aufs Bett. Mit tränenverschleiertem Blick sah sie darauf. Der blaue Stein auf dem Buckdeckel hatte mit dem Lesen des letzten Wortes augenblicklich aufgehört zu leuchten.

Sie fühlte sich so elend, wie schon lange nicht mehr. Körperliche Schmerzen wie die von den Peitschenstriemen oder von der verbrannten Haut auf ihrer Brust waren nichts zu dem Schmerz, der von ihrem Herzen ausging.

Bowen lief wieder barfüßig im Zimmer auf und ab und raufte sich sein Haar. Ab und zu suchte er wütend Eleas Blick, den sie ihm jedoch versagte.

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Eine High-Fantasy-Tetralogie um Liebe und Hass